6. Etappe gen Hamburg: von Lauenburg Zieleinlauf nach Hamburg

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Elbe bei Lauenburg

…mit einem lachenden und einem weinenden Auge, sowie einem letzten Blick von oben auf die Elbe, starten wir in den Tag. Es geht in den Endspurt und damit die 6. Etappe unserer insgesamt 374 Kilometer langen Radreise von Brandenburg an der Havel nach Hamburg.

So sehr wir uns das Reiseziel  herbeigesehnt haben, so sicher ist dann aber auch, dass die wunderschöne Tour entlang Havel und Elbe am Ende des Tages vorbei ist. Schade eigentlich. Es hätte ruhig noch ein wenig weitergehen können.

In der heutigen Etappe fahren wir also mit euch von Lauenburg linkselbisch weiter gen Norden. Wenn du ganz scharfe Augen machst, siehst du auf dem ersten Foto  links im Bild eine Brücke. Über die fahren wir gleich. Doch im Moment gastieren und frühstücken wir erst einmal mit Buffett und rechtselbisch. Unser Hotel Bellevue liegt herrlich am Hang, in der Nähe gibt es wohl auch den Wanderweg „Hohes Elbufer“.

Frühstück im Hotel Bellevue

Nicht nur der Ausblick auf die Elbe ist der Hammer, auch der Hotelstyle der 60iger Jahre war eine echte Überraschung für uns.

Wieder einmal zeigt sich, dass es durchaus Sinn macht, sich vor der Reise genau zu informieren, wo es hingeht. Das hatten wir in Bezug zu diesem Hotel nicht gemacht, wir waren froh, die Reiseunterkünfte mit dieser letzten Übernachtung glatt gezogen zu haben.

Und um ehrlich zu sein, ja ich oute mich, ich fand die Lobby, wo wir uns am ersten Abend anmeldeten zunächst etwas altbacken. Vielleicht war ich einfach zu müde, um genauer hinzuschauen und darüber nachzudenken. Erst als Marcus beim Ordern von Kaffee und Kuchen ein wenig warten musste – dämmerte es ihm und er kam ein wenig ins Gespräch. Ab dem Moment waren wir Feuer und Flamme für die wirklich außergewöhnliche Ausstattung. Es lohnt sich, sich ein wenig Zeit zu nehmen und Dinge, auch wenn man auf der schnellen Durchreise ist, zu hinterfragen.

Danke an Marcus für dieses tolle Foto von der Lobby: Einige google-Bewertungen zu diesem Hotel sind echt nicht nett. Irgendwas von abgenutzt und so steht da … so ein Quatsch. Das das Mobiliar extra so restauriert wurde, haben die Leute nicht mitgeschnitten. Fatal für eine google-Bewertung. Nebenbei bemerkt – die Zimmer sind jetzt-zeitlich eingerichtet. Hier zeige ich euch nochmal fix unser Zimmer:

Zimmer im Hotel Bellevue

Während wir so in aller Ruhe frühstücken, kommt tatsächlich mal ein Fahrgastschiff vorbei. Wir haben wirklich sehr wenige davon auf der Elbe gesehen. Ob auf dieser Strecke generell nicht so viel los ist oder ob das Virusbedingt alles brach lag, weiß ich nicht. Interessehalber habe ich mal gegoogelt und diese Minikreuzfahrt auf der Elbe gefunden. Von Hamburg nach Lauenburg. Das klingt wirklich toll.

…einziges Fahrgastschiff, was wir auf der Elbe gesehen haben …

Für uns heißt es heute jedoch die Drahtesel satteln. Dafür schieben wir sie aus der hoteleigenen Garage. Auch hier standen die Räder, wie in allen anderen Hotels auf der Fahrt, geschützt. Auf dem Bild siehst du den Hoteleingang. Adieu Lauenburg, vielen Dank an Familie Timm für die Gastfreundschaft und die hammerleckere Erdbeertorte.

Hotel Bellevue Lauenburg

Schon kurz darauf erreichen wir die oben erwähnte Brücke, welche den einen oder anderen schönen Ausblick freigibt. Als erstes blicken wir auf die 1885 gegründete Hitzler Werft. Als Besonderheit dieser Werft gilt, dass sie sich hier direkt von Beginn an dem Stahlbau gewidmet haben.

So unscheinbar wie sie bei unserer Vorbeifahrt ausschaut, ist ihre Geschichte keinesfalls. Vom Bau eines ersten Motorbootes und eines ersten Frachtdampfers ging die Entwicklung hin zu einem mehrere hundert Tonnen schwerem Binnengütermotorschiff. Angelehnt an die jeweiligen Anforderungen in den verschiedenen Jahren wurden Eisbrecher, Bohrinselzulieferer, Tanker, Schlepper und Hafenbarkassen gefertigt. Auch schiffbaufremden Projekten wie Kränen oder Müllsortiertrommeln wendete man sich zu. (Quelle: Webseite Hitzler Werft)

Werft Lauenburg

Ein paar Meter weiter wird der Ausblick wieder sehr idyllisch – der Blick auf die weite Elbe und schon ziemlich klein am rechten Ufer – Lauenburg.

Lauenburg an der Elbe

Mit der Überfahrt über diese Brücke geht es nun übrigens von Schleswig-Hohlstein wieder rüber nach Niedersachsen. Dieses Hin- und Her zwischen den Bundesländern ist fast ein wenig verwirrend. Paar Kilometer weiter erreichen wir das kleine unscheinbare Örtchen Artlenburg. Mitten in einer Eigenheimsiedlung stehen wir plötzlich vor einer Windmühle. Der offizielle Betrieb ist zwar seit 1993 eingestellt, die Mühle ist aber voll funktionsfähig, der Mühlenförderverein Lüneburg e.V. bietet Besichtigungen an.

Windmühle Artlenburg

Wir rollen wieder auf die Straße, blicken zufälligerweise nochmal zurück und wen sehen wir auf einmal oben auf einer Brücke stehen? Ihr ahnt es, oder? Unsere zwei Chemnitzer Radler, winkend. Wieder ein großes Hallo.

Dann geht es ein paar Kilometer recht ruhig am Deich entlang. Weite Elbelandschaft. Einmal nach links geguckt und geknippst ….

Elbe bei Artlenburg

…und noch einmal nach rechts geguckt und geknippst …. …bisschen Abwechslung bot dieser kleine Sportboothafen und ansonsten machen wir nun einfach ein bisschen Strecke. Wir haben in dem Bereich kaum Fotos gemacht.

kleiner Hafen irgendwo bei Artlenburg

Einzig dieser Miniobststand vor einem Privatgrundstück zieht mich wieder von meinem Rad. Wie ich in einem der ersten Beiträge schrieb, hatte ich ja sehr auf den Obstverkauf von Anliegern gehofft. Aber so viele waren es wirklich nicht.

Dieser hier war der zweite auf der gesamten Strecke. Also kaufen wir direkt noch mal ein… und während wir einkaufen … radeln unsere 2 Radkumpels wieder an uns vorbei. Da es kein Bier gibt, wollen sie sich nicht so recht zum Anhalten überzeugen lassen.

Die Kirschen sind übrigens hier doppelt so teuer wie in der Nähe von Havelberg …. scheint die Metropole Hamburg nun wirklich nicht mehr weit zu sein. Während 4 oder 5 Hunde zum Gartenzaun kommen, quatschen wir ein wenig mit dem Besitzer des Hauses und erfahren, dass normalerweise hier auf diesem Radweg die Hölle von Hamburgausflüglern los ist. Da haben wir wohl Glück. Kaum Radrennfahrer. Wir können also entspannt weiter.

Obststand

Irgendwo geht es nochmals auf den Deich und auf einer Bank sitzen sie wieder. Die zwei Chemnitzer. Da wir wohl alle ahnen, dass wir bald ankommen und sich unsere Wege bald endgültig trennen werden, lassen wir uns nun nochmals Zeit für einen kleinen Plausch. Wir spucken gemeinsam paar Kirschkerne in die Gegend und düsen dann zur nächsten Elbüberquerung. Es ist die seit 1960 aktive Staustufe Geesthacht. Mächtig gewaltig diese Anlage und die Wassermassen, die sich die Staustufe so hinabstürzen.

Wehr / Staustufe Geesthacht

Das Wasser der Elbe wird hier auf 4 m ü. NN gestaut. Neben einer weiteren Staustufe bei Magdeburg ist diese Anlage die einzige Staustufe im Elbeverlauf in Deutschland. (Quelle: Wikipedia). Wir verbringen hier so einige Zeit und lassen einfach die Wehranlagen auf uns wirken.

Staustufe Geesthacht

Dann rollen wir rüber über die Brücke …wohlgemerkt … nochmals rüber nach Schleswig-Hohlstein.

Und dann kommt der Knüller …

…fast unbemerkt wären wir am wirklich unscheinbaren Ortseingangsschild von Hamburg vorbeigefahren. Ich gucke so auf das gelbe Schild und da steht:

HAMBURG …. ich fasse es nicht. Wir sind da.

Unspektakulärer gehts eigentlich nicht. Schnief.

So richtig will sich die Freude noch nicht einstellen. So unscheinbar, wie es hier gerade ausschaut, kann doch nun echt nicht die Einfahrt in diese Megacity sein …. Kein buntes Transparent über der Straße, kein Radlerstopp, kein warmly welcome … nix … also Hamburg … da müsst ihr wirklich noch was machen. Ich meine, wir radeln uns tagelang die Beine aus dem Bauch …. für dieses popelige Ortseingangsschild? (*Ironie aus*)

…Hamburg Ortseingang

Wir haben nun mit Hamburg das 5. Bundesland unserer Tour erreicht. Altengamme, Neuengamme, Kirchwerder … wir haben die sogenannten Vier- und Marschlande von Hamburg erreicht. Sie gehören zum Bezirk Bergedorf. Insgesamt gehören 14 Stadtteile dazu. Der Radweg führt eine ganze Weile durch die Peripherie der Stadt und unter anderem auch über diesen Neuen Friedhof in Kirchwerder. Mal was Neues … was sollen wir denn zum Abschluß der Tour symbolisch beerdigen? So richtig fällt mir wirklich dazu nichts ein. Alles lief glatt, selbst der innere Schweinehund hat gespurt und mitgezogen. Wir beerdigen vielleicht die Traurigkeit, dass die Tour nun gleich zu Ende ist. Grüßen die Spaziergänger im Friedhof und fahren dann gefühlt immer geradeaus.

Die Vier- und Marschlande sind ein aufgrund des hohen Wasseraufkommens eingedeichtes Obst- und Gemüseanbaugebiet. Es ist wirklich ländlich hier, die Radstrecke ist ab und an von sehr gepflegten Einfamilienhäusern gesäumt. Ich vermute hier wohnt man gern.

Eigentlich war auch für heute Regen angesagt. Wie auf der ganzen Tour bleiben wir verschont. Bleiben wir?

Mal schauen, zunächst fühlen wir uns wirklich großartig. Wir reiten ein in die Metropole. So weit sind ja 374 Kilometer gar nicht, dennoch ist es ein ganz unbeschreiblich schönes Gefühl, diese aus eigener Körperkraft und ohne größere Vorkomnisse gemeistert zu haben.

An einer Firma steht gerade ein Mann draußen und raucht – er schaut total freundlich. Ich weiß gar nicht mehr, ob er sogar noch gewunken hatte. Auf jeden Fall schaut er, als wüsste er genau, was uns dieser Einritt bedeutet. Und irgendwie fühlen wir uns ein wenig auch wie die Radlervorboten. So allmählich geht nach dem deutschlandweiten Lockdown der normale Radtourismus wieder los. Ja – vielleicht ist es das – wir sind für ihn, der da so steht und raucht ein Stück seiner täglichen Normalität.

Jetzt kommen sie wieder – die Radnomaden.

Irgendwas war da doch mit Wolken … wir sind zu euphorisch, als das uns die jetzt stören könnten. Danke auf alle Fälle an Marcus (www.fotokahl.de) für diesen Fotomoment! Die Sonne strahlt nochmal mit uns um die Wette. Meter um Meter rücken wir nun vor. Doch ihr wisst, ich bin gnadenlos ehrlich hier im Blog – klar war da unheimlich viel Freude bei Ankunft in der Stadt. Aber da war noch etwas.

Da war ein richtig dickes Neeeeeeein … ich will nicht in den Trubel. Man muss das wirklich mögen. Tagelang in der Einöde rumschnullern und dann BÄMM … fahren die Züge über sich vielfach kreuzende Brücken, steht ein Haus am nächsten, siehst du den Horizont nicht mehr und …. Menschen. Überall Menschen. Autos, Räder, Motorroller, Ampeln, Lärm …. die ersten Minuten in der Stadt  waren tatsächlich auch eine Reizüberflutung.

Marcus lotst uns zielsicher zum Hotel.

irgendwo in Hamburg

Wir wussten zwar, dass eine Baustelle rundherum ist. Vor Ort waren wir aber doch ein wenig überrascht. Wir fahren auf das Hotel zu und werden am ersten Baustellenordnerhäuschen angehalten.

„Wo wollen Sie denn hin?“

Wir so: „Na ins Hotel“.

Er schickt uns zur Tiefgarage, davon wussten wir, dass es die Möglichkeit geben wird, die Räder in der Tiefgarage abzustellen. Wir werden an einem weiteren Häuschen angehalten. Gleiches Spiel. Dann geht es in die Tiefgarage / …eigentlich ging es in die Baustelle. Zwischen Bauarbeitern, Staub und Lärm fahren wir in den dunklen Bauch dieser unheimlichen Tiefgarage.

Orientierung Fehlanzeige. Hier werden wir unser Rad garantiert nicht über Nacht stehen lassen. Vor irgendeiner Tür bleiben wir dann stehen. Marcus meint …. er sei gleich wieder da.

Waaaaaas?

So. Da stehe ich nun mit 2 gepackten Rädern, dann geht das Licht auch noch aus. Ganz toll. Höhlen sind nicht so mein Ding … wo sind wir hier nur gelandet. Eigentlich in einem 4**** Hotel … doch davon merken wir noch nichts.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt er wieder und wir dürfen die Räder nach oben bringen. Zur Rezeption – sie werden später in den Kofferraum gestellt. So richtig wohl ist mir nicht. Staubig, stinkend stehen wir mit unseren dreckigen Rädern nun in der recht gepflegten Lobby.

Ich bin so irritiert in dem Moment – es war mir nicht möglich, wenigstens für das Foto hübsch auszusehen …. Marcus fand das natürlich alles total witzig. Das unterscheidet uns Frauen von den Männern.

Und was glaubt ihr – als wir aus den Tiefen des dunklen Tiefgaragenbauches auftauchen, beginnt vor dem Hotel der Weltuntergang. Ein Regenguss sondergleichen geht auf die Stadt hernieder. Glück gehabt.

 

Naja – Ende vom Lied, wir landen irgendwo in Etage 23. und blicken auf einen fetten Regenguss.Später klart es auf und wir machen uns auf einen Abendspaziergang nochmal auf in die Stadt. Die Binnenalster liegt nur paar hundert Meter von unserem Hotel entfernt. Und auch das schicke Hamburger Rathaus versuchen wir aus verschiedenen Perspektiven irgendwie auf ein Foto zu quetschen. Gar nicht so leicht. …ja ihr lieben. Danke, dass ihr die Etappen mit uns durchgereist seid. Ich muss glaube ich nicht mehr betonen, dass ich hin und weg bin von dieser Tour, von unseren Gastgebern, der Landschaft, der Historie …. alles aber wirklich alles hat gepasst.

Ziemlich glücklich erreichen wir nun wieder das Hotel und blicken auf ein Lichtermeer … ich knipse ja nur, irgendwann wird Marcus sich sicherlich durch seine vielen Fotos gearbeitet haben. Dann gibt es bessere Qualität. Und nochmals der Hinweis zu unserer unbezahlten Werbung: Auf dieser Tour haben wir alles selbst finanziert. Unsere Meinung ist nicht käuflich. Was uns gefällt, erwähnen wir aus Überzeugung – was uns nicht gefällt, erscheint nicht im Blog.

…in Kürze warten hier auf euch Sellinimpressionen und natürlich noch der Bericht über Hamburg … seid gespannt, teilt gerne den Link zum Blog und falls ihr eine Frage habt, hinterlasst uns gern einen Kommentar.

Alle weiteren Etappen der Radtour nach Hamburg findet ihr hier:

1. Etappe: von Brandenburg nach Rathenow

https://tripp-tipp.de/havelradweg-von-brandenburg-nach-rathenow/

2. Etappe: von Rathenow nach Havelberg

https://tripp-tipp.de/2-etappe-gen-hamburg-von-rathenow-nach-havelberg/

3. Etappe: von Havelberg nach Wittenberge

https://tripp-tipp.de/3-etappe-gen-hamburg-von-havelberg-nach-wittenberge/

4. Etappe: von Wittenberge nach Hitzacker

https://tripp-tipp.de/4-etappe-gen-hamburg-von-wittenberge-nach-hitzacker-83-kilometer/

5. Etappe: von Hitzacker nach Lauenburg

https://tripp-tipp.de/5-etappe-gen-hamburg-von-hitzacker-nach-lauenburg

 

 

 

 

 

 

 

 

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