5. Etappe gen Hamburg: Von Hitzacker nach Lauenburg

Reading Time: 10 minutes

der kleine Fluß Jeetzel in Hitzacker, rechts und links unser Hotel

Die letzten Beiträge drehten sich auf diesem Blog um die einzelnen Radetappen entlang von Havel und Elbe gen Hamburg. Und genauso geht es auch noch weiter, die Tour war einfach zu schön. Im heutigen Beitrag kommen wir unserem Reiseziel mit der 5. Etappe schon recht nahe. Geweckt werden wir durch das Glockenläuten der Kirche in Hitzacker.

Die Baustelle und auch der Kirchturm vis-a-vis unseres wirklich tollen Hotels beginnen den Tag eher, als uns lieb ist. Es gongt, es hämmert. Zeit für uns, den Weg über die Fußgängerbrücke Richtung Café anzutreten, denn dieses Hotel liegt auf beiden Seiten vom Fluss und der Frühstücksraum eben jenseits vom Fluss. Es gibt nichts, was es nicht gibt.

Wir sind jetzt in Niedersachsen, hier stehen wir am Buffett und bekommen alles was wir ansagen gereicht. Mundschutzpflicht beim Anstehen am Buffett und auf dem Weg bis zum Tisch und die Tische stehen auch wirklich sehr weit auseinander. Wie jeden Tag packen wir auch heute unsere komplett entpackten Taschen wieder ein und düsen wieder den kleinen Umweg durch den Ort, denn mit den Rädern kommen wir wirklich nicht rüber über den Hiddo-Steig. Also die kleine Holzbrücke über die Jeetzel.

Und schaut mal, wen wir am Wegesrand noch entdecken … einen Kneipp-Gnom. Natürlich wisst ihr, wie ich den finde – oder? Süüüüüß. Wir schaffen gerade noch die Fähre, welche von Hitzacker über die Elbe rüber nach Bitter fährt. Es ist eine Bedarfsfähre, feste Zeiten gibt es nicht. Da es etwas kühl ist, freuen wir uns vor allem, nicht lange hier rumstehen zu müssen. Mit uns geht ein ganzer Schwung Radfahrer rüber. Geübt stapelt der Fährmann ökonomisch unsere Räder und kassiert dann 5,60 von uns. 2 Räder, 2 Menschen. Kaum dass wir auf der anderen Seite angelegt haben, düsen die meisten direkt los. Wir nicht – wir machen erst mal ein paar Fotos von der Fähre, gucken zurück nach Hitzacker, saugen einfach ein bisschen die Stimmung auf.  Dann begucken wir uns mal wieder einen unserer beliebten grün-beschrifteten Wegweiser. Heute soll es zunächst in Richtung des 39 Kilometer entfernt liegenden Boitzenburg gehen. Rechtselbisch geht es los. Wie auch gestern ist die Fahrt durch Wiesen und Felder bestimmt. Mittlerweile haben wir uns schon an den regelmäßigen Anblick von Störchen gewöhnt – auch heute stolpern wieder zwei auf der Suche nach Futter über das Feld. Rotmilane und andere Greifvögel gibt es ebenfalls eine Menge. Neben der Natur wird es doch wieder historisch spannend. Bei Darchau entdecken wir weit hinten am Elbestrand einen ehemaligen Grenzturm. Der Weg ist auch hier wunderbar asphaltiert. Kann man natürlich drüber streiten, die Landschaft zu versiegeln – aber zum Radeln ist es perfekt. Kurz darauf entdecken wir einen zweiten Grenzturm, sogar mit ein klein wenig erhaltener Zaunanlage. Wir lesen die Plakate und schon trällert ein Wiedersehenshallo durch die Stille. Die zwei Radler aus der Nähe von Chemnitz sind nun auch wieder auf der Strecke. Das ist wirklich verrückt, dass wir nahezu das gleiche Timing haben.

Spaßeshalber meint der eine von beiden zu allen gerade hier anwesenden Touristen in allerbestem Sächsisch: „….nu geht mal alle rein, dann machen wir die Tür zu, dann seidor, aolle dren …“.

Ein leicht spaßbefreiter weiterer Radler meint kühl: „Na macht mal.“ Er findet es scheinbar überhaupt nicht witzig. Verschwörerisch gucken wir uns an. Jeder denkt sich seinen Teil und obwohl wir den zwei heiteren Sachsen unterwegs schon oft zugewunken haben – und sie uns … erfahren wir erst heute bei einem kurzen Schwätzchen, dass sie bereits in Dresden auf den Elberadweg eingestiegen sind und sich in 12 Nächten gen Hamburg vorarbeiten. Hut ab. Doppelt soviel Etappen wie wir.

Der nächste Grenzturm findet sich bei Neuhaus. Wahnsinn, so viele und so irre der Ausflug in die Geschichte ist, leider verpufft mit jedem weiteren Turm das große Wow. Aber das ist glaube ich normal.Es gibt Abwechslung. Einige Kilometer später dürfen wir auf den Aussichtsturm Mahnkenwerder steigen und einen Rundblick in die Auenlandschaft zwischen Elbe und Sude genießen. Ein schöner Holzturm, circa 15 Meter hoch. Den Turm haben wir gerade ganz für uns alleine, das empfinden wir als Luxus.

Bis sich die nächste bunte, schnatternde Radlergruppe nähert, lassen wir ausgiebigst den Blick in die Weite schweifen. Könnte ich mich dran gewöhnen. Alles so schön unaufgeregt friedlich. Einen letzten Grenzturm finden wir kurz vor Boitzenburg. Er ist einer von unzähligen Grenzerfahrungspunkten am sogenannten „Grünen Band“. Innderdeutsche Grenze und auch Eiserner Vorhang.

Foto: Marcus Kahl / www.fotokahl.de

An den Tafeln lesen wir, dass 1,5 Kilometer Luftlinie entfernt die Transitkontrollstelle Boitzenburg lag. Da kommen wir eh gleich noch vorbei. Doch zunächst machen wir einen kurzen Abstecher in die Stadt mit Fotostop und Stärkung im niedlichen Café Stenschke.

Wir sind jetzt übrigens in Mecklenburg-Vorpommern, das vierte Bundesland auf unserer Tour.

Das Café ist außen auf dem Sims oberhalb der Tür mit unzähligen Kaffeekannen verziert. Im Blumentopf steht eine „Kannenbaum“ und links von der Eingangstür baumeln ein paar kleine Sammeltässchen. Sehr süß gestaltet und nebenbei – der Kuchen hat geschmeckt. Den hat Marcus innen geordert, gegessen haben wir ihn draußen. Von der Hand in den Mund sozusagen. Damit es auch in diesen sonderbaren Zeiten ein wenig komfortabel für uns ist – bekommen wir ein kleines Tablett mit dem Kaffee nach draußen gebracht. Total nett – vielen Dank nochmals an die Betreiber. Nur kurz streifen wir durch die Stadt, am meisten halten wir uns damit auf, die St. Marien-Kirche in Szene zu setzen. Dafür krabbeln wir gerne mal an einem Blumenkübel entlang.

Wir wollen jedoch die Launen des Wettergottes nicht zu sehr strapazieren – auch nach 40 Kilometern nix von dem vorhergesagten angeblichen Regen. Wir haben wirklich Glück und müssen uns nun aus Boitzenburg gen Lauenburg einen Berg hochquälen. Die Oberschenkel geben an Tag 5 nicht mehr allzu viel her, da kommt uns der „Checkpoint Harry“ sehr gelegen.

Ja, du hast richtig gelesen. Checkpoint – „HARRY“. Cool, oder? (Checkpoint Charlie in Berlin kennen die meisten…. aber Checkpoint Harry?) Die besagte Transitkontrollstelle im Örtchen Vier. Wir studieren die Informationstafeln und erfahren zum Beispiel, dass die Deutsche Grenzpolizei 1946 gegründet wurde. Leider wurde sie der Lage an der Grenze kaum Herr und so führte man 1952 die „besondere Ordnung an der Demarkationslinie“ ein.

Stacheldraht, ein zehn Meter breiter Kontrollstreifen und die schon einmal erwähnte fünf Kilometer Sperrzone wurde geschaffen. Anwohner wurden registriert, brauchten einen Passierschein und bei Bedarf war der Einsatz der Schusswaffe gegen Flüchtige geplant. Unter fadenscheinigen Erklärungen kam es zu Zwangsumsiedlungen der Anwohner. 

Was muss das wohl für ein Leben gewesen sein?

Kilometerlange Hundetrassen zur Überwachung, ebenso Scheinwerfer, Selbstschussanlagen, Grenztürme. (eine solche Anlage haben wir letztes Jahr in Mödlareuth besichtigt) Wir erfahren noch was über den Fall Gartenschläger. In einem Schauprozess wurde er in der ehemaligen DDR zu lebenslanger Haft verurteilt. 1971 wurde er in die Bundesrepublik entlassen. Doch damit gab er sich nicht zufrieden. Er kämpfte weiter und montierte Selbstschussanlagen ab. Zweimal ging es gut. Beim dritten Mal leider nicht mehr.

Das ist irgendwie harter Tobak. Ein paar Meter hin gibt es noch eine erhaltene Baracke, wo zu NS-Zeiten ungarische Frauen untergebracht waren. Gott o Gott, ist das ein trauriger aber eben geschichtsrächtiger Ort. Bei aller Tiefe, bleiben wir heute hier trotzdem allein. Lediglich ein Radfahrerpärchen nutzt den Ausblick auf die Elbe, alle anderen düsten vorbei.Über ein paar langgezogene Hügel überqueren wir unscheinbar nun wieder die Grenze von Mecklenburg-Vorpommern zu Schleswig-Holstein. Das fünfte Bundesland auf der Tour. Verrückt, oder?

Nur eines dieser großen braunen Schilder, welches auch in Potsdam an der Glienicker Brücke steht, steht an der Straße. Um es zu fotografieren muss ich extra die Böschung hochkrabbeln. Wir sind jetzt also wieder im „Westen“. Und dann empfängt uns Lauenburg mit einem ordentlichen Schauer. Wäre ja zu schön gewesen, wenn nicht.

Auch in Lauenburg müssen wir nochmals einen undankbar laaaaangen Berg hocchstrampeln. Marcus zetert, dass wir bestimmt auch hätten anders fahren können. Hätten wir nicht, weiterstrampeln bitte – wir sind gleich da. 

Wir haben uns im Hotel Bellevue eingemietet. Von hier oben haben wir einen sehr tollen Blick auf die Elbe.Und ganz im Charme der bewusst erhaltenen 60iger Jahre, genießen wir zur Belohnung ein Stück Erdbeertorte. Beste Torte auf der ganzen Reise….Ambiente – der Hammer. Danke dafür, falls es einer der Lauenburger, die hier an unserem Glük beteiligt waren, irgendwann liest.Während Restaurant und Lobby bewusst im Stil der 60iger gehalten werden, sind die Zimmer moderner. Zudem geräumig und sehr sauber. Einzig Erdgeschoß ist nicht so unser Ding – aber hier hatten wir keinen Einfluß bei der Buchung. Macht aber letztendlich überhaupt nix. Rund um das Hotel ist es schön ruhig, eine Einfamilienhaussiedlung. Dann wandern wir, wie ebenfalls jeden Tag, zur Besichtigung in den Ort. Dafür geht eine kleine Fußgängertreppe, mit Blick auf die Elbe den Hang hinab. Heute geht es in die durch Fachwerkhäuser geprägte Altstadt. Es nieselt ein wenig, das kommt uns sehr gelegen, dann sind nicht ganz so viele Touristen unterwegs. Auch diese Stadt ist echt fotogen. Wir sind wieder voll in unserem Element. Am Elbufer finden wir eins der ältesten Häuser der Stadt – das Fährmännerhaus.Und unweit davon, auf dem Ruferplatz, treffen wir auf eine Skulptur. Den Rufer. Als Symbol steht er für das jahrhundertelang geprägte Leben von Strom und Schifffahrt. Vielleicht ist es ein Schiffer, dessen Kahn hier vor Anker liegt – ein morgendlicher Gruß, ein derber Spruch. Was genau er rüberruft, das lässt die kleine Inschrift am Sockel offen.

Ohne spezielles Ziel bummeln wir weiter und plötzlich kommt ein junger Mann vom Angeln. Er trägt einen recht großen Zander in der Hand. Nicht das ich den Fisch genau kennen würde. Wir haben ihn gefragt. Seine Finger stecken im Maul. Das sieht abstrakt aus. Die Bewunderung durch die Touristen ist auf seiner Seite. Seltenes Bild für uns Städter, obgleich in Potsdam auch viel geangelt wird.

Tja und wer kommt nun wieder um die Ecke? Ahnst du es schon? Na klar, mit dem berühmten Hallo – unsere beiden Sachsen. Und während wir mittlerweile ob der Kühle obenrum 3 Lagen anhaben, marschieren die beiden in T-Shirt und kurzer Hose durch die Stadt. Zwei dolle Typen. Später erfahren wir noch, dass sie mal LKW´s gelenkt haben.

Im Prinzip würden wir gern was essen, doch sämtliche Restaurants vergeben ihre Plätze nur per Vorbestellung. Ok … nicht so leicht. Das hätten wir wissen müssen. Ein Plätzchen in einer der rustikalen Altstadtkneipen bleibt uns somit verwehrt. Nicht schlimm. Wir probieren sogar, mal ganz langsam an der Eingangstür vorbeizutrudeln, stehenzubleiben, reinzugucken … vielleicht holt man uns ja spontan doch rein …. aber nein. Die Bedienungen würdigen uns mit keinem Blick. Sie haben ihre Regeln, die wollen wir natürlich auch nicht brechen.

Verhungert ist noch keiner, wir probieren es in der „Neustadt“. Hier finden wir das Restaurant „Sushi Wok“. Kein Mensch drin, wunderbar. Das nehmen wir und es war echt lecker. Sonst hätten wir es nicht genannt ….mittlerweile kennst du diese Regel hier im Blog. Von Schloss, bis Grotte, bis Fürstenpark – wir schlendern alles ab …

Grotte Lauenburg

…auch hier finden wir die Hochwassermarke von 2013 … weit über Marcus seinem Kopf beziehungsweise auf dem zweiten Bild quer zwischen den Häusern gespannt. Das ist wirklich gruselig. …doch eins hätte man uns neben den Restaurantregeln auch noch sagen müssen. Das wir Kraft hätten sparen sollen, für die Treppen von Oberstadt in die Altstadt und wieder in die Oberstadt und zurück in die Altstadt …. und dann endgültig zum Schlafen in die Oberstadt. Lauenburg liegt am Hang. Schon gut erschöpft erreichen wir unser Hotel. Während wir in den Betten liegen … geht ein kräftiger Regenguss runter. Wir sind Glückspilze …. und träumen nun vom schönen Städtchen Lauenburg und nehmen dich noch auf ein paar Bildimpressionen mit: …tja, auch für diese Stadt können wir nichts anderes als eine Besuchsempfehlung aussprechen. Ist doch schön, oder?

Vielen Dank, dass du wieder mitgeradelt bist. Eine Etappe steht uns nun noch bevor … sei gespannt. Auch diese wird in den nächsten Tagen online gehen.

Falls ihr jetzt neugierig geworden seid, dann findet ihr hier alle weiteren Beiträge zu unserer Radtour:

1. Etappe: https://tripp-tipp.de/havelradweg-von-brandenburg-nach-rathenow/

2. Etappe: https://tripp-tipp.de/2-etappe-gen-hamburg-von-rathenow-nach-havelberg/

3. Etappe: https://tripp-tipp.de/3-etappe-gen-hamburg-von-havelberg-nach-wittenberge/

4. Etappe: https://tripp-tipp.de/4-etappe-gen-hamburg-von-wittenberge-nach-hitzacker-83-kilometer/

All unsere Hotels: https://tripp-tipp.de/fruehstuecken-im-hotel-in-zeiten-von-corona/

Erste Impressionen: https://tripp-tipp.de/mit-dem-rad-von-brandenburg-havel-gen-hamburg/

 

 

 

2 thoughts on “5. Etappe gen Hamburg: Von Hitzacker nach Lauenburg

  1. Das ist ja echt „nicklich“ in diesem Teil Deutschlands. Die Berichte locken, da selbst mal hinzufahren. Danke fürs Mitnehmen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.