Zwischen Ratgebertum und Egozentrik … wieviel meiner Verantwortung als Reisebloggerin bin ich mir bewusst?

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Unlängst machte ein Fall einer zunächst beratungsresistenten Instagram-Influencerin im Berchtesgadener Land auf sich aufmerksam. In mehreren Facebook- und Blogbeiträgen sah ich dieses Instagramsternchen im Bikini, die Arme weit über die Steinmauern ausgebreitet, lässig in einem Infinity-Pool, hoch oben über dem blauschimmernden Königsee liegend. Zugegeben, ein hammergeiles Bild und das ist genau das Problem.

Der nicht so sattelfeste Zuschauer – will das natürlich auch haben. Will dazugehören indem er nachmacht. Allen Empfehlungen und Verboten der Berchtesgadener Naturparkverwaltung zum Trotz den gleichen bescheuerten, abgesperrten, lebensgefährlichen Trampelpfad zum Pool hochlaufen.

Recht primitive Alltagspsychologie oder auch fiese Abhängigkeit, die man erstmal für sich schnallen muss. Vielleicht träumen wir auch davon, für was auch immer entdeckt zu werden. Ein Foto – im geilen Bikini – im ultracoolen Natural-Pool am natürlich geheimnisvollsten und unentdecktesten Ort der Welt. Dafür nimmt man schon mal in Kauf, mehrere hundert Meter abzustürzen. Am besagten Pool beziehungsweise dem Weg dorthin, gab es wohl schon Todesfälle.

Ach … Todesfälle. Das lässt sich doch im Gehirn hochstrategisch abspalten. Mir als Sternchen passiert doch sowas nicht ….( … uff…. denke ich mir da).

Stattdessen möchte man eifrig für seine tollen Bikinifotos bewundert werden. Schaut mal her, so cool bin ich, so toll sehe ich aus. Bezahlt mich für diese Beklopptheit, dass ich Euren neuesten Fummel unter Lebensgefahr vorführe. Das dabei ein oft aufwendiges Shooting dahintersteckt, wird nie dazugeschrieben. Das dabei Natur zertrampelt und nachhaltig zerstört wird auch nicht.

Das liebe Ego

Unser Ego und sein Streben hin zur Zentrik ist nur in Teilen und auch nur mit gewisser Reife zu überwinden. Ego ist notwendig um zu überleben – aber Leute … das kann es doch jetzt nicht wirklich sein. Man muss nicht in einem Pool räkeln um zu überleben, das ist verdammter und unnatürlicher Luxus, wenn man dafür Zeit hat und damit auch noch Geld verdient. Das geht aus meiner Sicht weit über normales Tourismusmarketing hinaus. (Wobei ich mich schon beim Schreiben frage, was ist normales Tourismusmarketing.) …. und darüberhinaus frage ich mich, wer zum Teufel gibt Geld für solche Influencer aus? Ich würde es nicht tun. Und ich würde auch nie und nimmer einer Marke oder einer Idee folgen, die so etwas finanziert.

Hätte sich nicht die halbe Bloggerwelt über jenes Foto zerschossen, hätte ich es kaum wahrgenommen. Weil ich wie gesagt, solchen Influencern nicht folge. Weil es mir persönlich nichts bringt. Bilder mit (halb)-nackten Frauen vor Traumkulisse finde ich mal ganz kurz schön aber so richtig viel bewirken, bewirken sie bei mir nicht. Nie im Leben käme ich auf die Idee, den Pool zu suchen und mich auch da rein zu legen. Warum denn? Für was denn?

…also … man muss sich das mal rein psychologisch durchdenken. Ich sehe ein Foto – wo eine Frau irgendwo rumlungert und ich bekomme Lust, auch dorthin zu wandern.  Das heißt – ich gehe in die Identifikation mit dem Leben und der Schönheit der jungen Frau. Stopp …. mit dem gestellten Leben und der gestellten Schönheit der jungen Frau ….. denn wir wissen ja alle, das solch ein Foto die reine Illusion ist, maximal ein Bruchteil der Natürlichkeit, nämlich wie im Beispiel, der Königsee im Hintergrund. Den gibt es wirklich ….  Ich möchte also genauso sein wie sie …. und plopp … bin ich nicht mehr ich. Bin komplett in eine illusionäre Welt geflutscht … dann könnte ich auch Engel anrufen oder einen Flug nach Atlantis buchen.

Gemerkt?

Willst du das wirklich? Blogger? Influencer? Fotograf?

Deinem eigenen Hier & Jetzt entfleuchen? Warum denn? Warum möchtest du nicht deine eigene Authentizität leben? Mir persönlich ist es relativ egal, ob meine oder deine Frisur auf einem Foto sitzt oder nicht … ich poste manchmal Fotos von mir á la … so sehe ich beim Wandern aus, guckt mal ich wandere wirklich und poste nicht nur scheinheilig die Route, weil ich dafür bezahlt werde (was ich nicht werde)  … und was möchte ich damit bewirken? Das Leute Lust auf Wandern bekommen weil mir als Therapeutin was an der Gesundheit der Menschen gelegen ist … aber garantiert nicht, dass sie mich für meine tolle Hose oder was auch immer bewundern. (da war ich 12 – 16, als mir das wichtig war).

Was mir auf jeden Fall noch gefallen würde:

  • Marken, Sponsoren, Tourismusverbände – hört bitte auf, solche ignoranten und wenig authentischen Influencer zu bezahlen ….
  • Blogger – solchen Influencern mit einem Abo zu folgen ist schon halbe Mittäterschaft … denn sie leben ja von der Reichweite und werden genau deswegen gebucht …. entliken ….
  • Blogger – folgt, teilt, unterstützt all diejenigen euerer Bloggerkollegen – die sich um Nachhaltigkeit, Slowtourism, Umweltschutz und überhaupt mehr Bewusstsein bemühen.

Aber hey, wer bin ich jetzt eigentlich … mir grundsätzlich erlauben zu dürfen, darüber zu urteilen was nun schön oder nützlich sein könnte. Und das ist die Crux an dem Aufschrei, der jetzt gerade oder immer mal wieder durch die Blogger oder auch jede andere Szene geht. Wir hier – auf der guten Seite. Wir dürfen richtend mit dem Finger auf die anderen zeigen. Wir haben es verstanden, wir haben es geblickt, wir sind schlau und dürfen auf DIE, DA, DORT schimpfen, meckern – die es augenscheinlich noch nicht verstanden haben.

Häh?

Um es mal mit George Orwell zu sagen:

Alle sind gleich und manche sind gleicher.

Das einzige, was ich mich fragen dürfte und müsste – wäre:

Wie blogge ich, also ich – Sandra von tripp-tipp.de verantwortungsvoll?

Wo ist die Grenze, einen hilfreichen Tipp als Blogger zu vermitteln, eine Wanderroute zu teilen oder dem geheim entdeckten Fleckchen bis in alle Ewigkeit Touristenmassen auf den Hals zu hetzen? Inwieweit dient mein Blogpost der Unterhaltung und welche magnetischen Worte benutze ich, um die Leute genau dahin zu lotsen, wo ich war …. das lässt sich verbal steuern, das fängt schon bei der Überschrift an. (…. siehe „…. die 10 Dinge blabliblupps, die du gesehen haben musst“)

Dieser Grat ist jedoch verdammt schmal und schon oft habe ich bei unseren Wandertouren oder Ausflügen gedacht, hier ist es cool – das muss ich teilen. Nein. Darf ich nicht immer teilen – denn dann könnte es sein, ist es dort nicht mehr cool.

Im Moment geht ein kleiner Bewusstseinsruck durch die Bloggerszene. Reicht das, um nachhaltige Veränderungen zu treffen?

Was kann ich als Bloggerin tun, um Orte vor Overtourism zu schützen?

Eines ist klar, wir als Blogger müssen uns darüber bewusst sein, was wir mit unserem Geschreibsel bewirken und erreichen wollen. Und so sehe ich 3 Motivationen, um über das Reisen zu bloggen:

  1. Ein Auftrag, eine Kooperation und ich soll alles möglichst genau beschreiben, um damit viele Besucher anzulocken.
  2. Unterhalte ich einfach mal all diejenigen mit schönen Worten und Bildern, die nie und nimmer eine ähnliche Tour machen wollen würden – sich aber tatsächlich an Geschichten erfreuen?
  3. Will ich mein armes kränkelndes Ego stärken und Bewunderung einfahren?
  4. …. was könnte viertens sein? Welcher Grund fällt dir noch ein, warum wir bloggen? Schreib´ es mir mal in die Kommentare.

Für Punkt 2 und 3 gilt – leider kann ich einem Ort nicht immer anfühlen, ob mehr Besucher gewünscht sind. Ein Dogma wird es sicherlich nie geben und es wird sich auch kaum ein Blogger nehmen lassen, schöne Dinge zu teilen. Verschiedene Regionen regen allerlei Bemühungen an, den Tourismus zu steigern – hier sehe ich meine Verantwortung als Bloggerin, genau das zu erspüren und gegebenfalls sicherheitshalber zu erfragen.

  • die Pensionswirtin fragen, ob sie erwähnt werden möchte
  • in der Touristinfo fragen, ob Blogartikel zur Region gewünscht sind – möglicherweise ergibt sich eine Kooperation
  • Naturparkverwaltungen fragen, ob sie supportet werden wollen oder lieber nicht

Folgende Orte beblogge ich grundsätzlich nicht:

  • Kleinode, die augenscheinlich wirklich noch kaum einer entdeckt hat.
  • Erholungsoasen von Einheimischen …. sollen bitte Erholungsoasen für Einheimische bleiben. Sollte ich mich zufällig dahin verirren – genieße ich es einfach und halte nicht überall die Kamera drauf. (egal ob das ein Cafe oder ein Park oder ein See ist)

Zugegeben, über so etwas habe ich nicht nachgedacht, als ich mit bloggen angefangen habe. Seit ich merke, dass meine Beiträge verstärkt ergoogelt werden – werde ich mir bewusster und auch das Schreiben dieses Artikels, macht was mit meinem Verantwortungsbewusstsein.

Es ist nie zu spät – um Dinge zu verändern.

Und so findest Du bei mir seit einiger Zeit zum Beispiel bei Instagram (tripp_tipp.de) keine genauen Ortsangaben zum Foto. Ab und an in der Ortsbeschreibung „Save the Planet“ um auch andere so Stück für Stück dafür zu sensibilisieren.

Mit meiner Kollegin Kerstin organisieren wir für den 19.9.20 das zweite Potsdamer Reise- und Fotoblogger BarCamp und ich bin mir sicher, ich werde genau das auch dort zum Thema machen. Willst du dabei sein? Dann melde dich doch über unsere eigens dafür eingerichtete BarCamp Seite an (www.blogger-barcamp-potsdam.de) oder folge uns bei Instagram unter „potsdam.bloggt“.

Ich hoffe, auch ich kann dich ein wenig damit anstecken, bewusster zu reisen, zu bloggen, bei Instagram oder Facebook zu posten.

Für diesen Beitrag habe ich mich von Andrea von www.indigo-blau.de inspirieren lassen. Auch Sie, genau wie viele andere Blogger bewegt dieses Thema sehr und sie hat zu diesem Thema eine aktuelle Blogparade gestartet. Mach doch da einfach mal mit!

Schreib´ mir gern in die Kommentare, was dich zu dem Thema bewegt.

 

 

 

One thought on “Zwischen Ratgebertum und Egozentrik … wieviel meiner Verantwortung als Reisebloggerin bin ich mir bewusst?

  1. Hallo Sandra,

    was für ein toller Beitrag für die Blogparade und ich bin absolut bei dir. Du sprichst mir in vielen Dingen aus der Seele.

    Ich verstehe ebenfalls nicht, wer Geld für solche Influencer ausgibt und ich frage mich jedes Mal, wie die austauschbaren Püppchen mit den immer gleichen Motiven an so große Followerzahlen kommen, wenn sie nicht zufällig gekauft sind …

    Marken, die solche Influencer beauftragen, meide ich mittlerweile. Ich hoffe, dass immer mehr dies tun werden und es irgendwann einfach für ein Unternehmen nicht mehr lohnenswert ist, diesen unauthentischen Mist auch noch anzukurbeln.

    Liebe Grüße
    Christine

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