Pfingstberg Belvedere Potsdam – Blüte menschlicher Kraft

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Schloß Pfingstberg Belvedere / Potsdam

Stell´ dir vor, wir schreiben das Jahr 1989, Du scrollst rutschst mit dem Finger über den Stadtplan und genau da, wo wir heute den Pfingstberg wissen – ist einfach NICHTS. Just zu dieser Zeit war der Pfingstberg samt dem ganzen Ensemble nicht im Stadtplan verzeichnet. Warum auch. Die im verborgenen wundervolle aber nach außen hin nun schnöde Ruine, zuletzt bewohnt von einem Kastellan und dessen Frau, steht ab 1964 leer und beginnt zu verfallen. Die nahe innerdeutsche Grenze, das in der Nachbarschaft befindliche KGB-Gefängnis, die russischen Militäranlagen als solche, sowie Gebäude der Stasi lassen kein Ausflugsobjekt mit grandioser Aussicht zu. Denn genau das war das Pfingstberg Belvedere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Glatt läuft mir ein kleiner Schauer über den Rücken, wenn ich mir vorstelle, wie 15 junge DDR Bürger beginnen, das in einer Sperrzone liegende Ensemble oder zunächst die Grünanlagen freizuräumen –  wahrscheinlich wird ihnen selbst erst nach Jahren klar, dass ihr selbstloser Einsatz der Beginn einer fantastischen Rettung war.

Arbeitseinsatz AG Pfingstberg

Die Rettung des Pfingstberg Belvederes, welches nun als UNESCO Welterbe stolz, hell strahlend und im italienisch anmutenden Schick, weithin sichtbar, auf 100 Meter Höhe thront.

Klar und abgegrenzt haben sie ihre Treffen „Arbeitseinsatz“ und nicht wie damals in der DDR den aus dem russischen übernommenen Begriff „Subbotnik“ benutzt.

 

 

Eine von diesen 15 Personen ist Rotraut, welche uns heute sportlich, mit wehendem Haar, mit einem offenen Lachen, einer feschen Outdoorhose und stabilen Wanderschuhen begrüßt. An ihrer Jacke steckt der grün leuchtende Anstecker des Fördervereins und an ihrer Seite steht ihr Mann Thomas, ebenfalls schon seit 5 Jahren Mitglied im Förderverein.

So war das damals in der DDR. Man kannte sich nur mit Vornamen. Nachfragen begegnete man damals argwöhnisch. Die ganze Truppe beäugte man überhaupt argwöhnisch, bis Stasi, Russen, Grenzer – bis alle verstanden, dass hier ein Kulturerbe gerettet werden soll – auch wenn man es ihnen indirekt unterstellte, an Flucht dachten die jungen Leute gar nicht. Was haben die beiden uns in ihren Bann gezogen … vielen Dank an dieser Stelle schon mal dafür an Rotraut und Thomas.

Werbung: Im Rahmen eines Bloggerevents wurden wir vom Pfingstberg Belvedere zu dieser Veranstaltung eingeladen.

Eingangsportal Pfingstberg Belvedere Potsdam

Von herrlichen Sonnenstrahlen umgeben, werden wir noch vor dem Eingang eingeschwungen mit einer Legende der preußischen Königin Luise (1776 – 1810). Mit ihrem Ehemann Friedrich Wilhelm III. besucht sie eines schönen Pfingstmorgens die Anhöhe. Dazumal lud sie der Besitzer Carl Ludwig von Oesfeld in den Pomonatempel (übrigens das Erstlingswerk von Schinkel). Und weil die Aussicht so verzückend gewesen sein muss, bittet Luise um Umbenennung von damals Juden / Eichberg – auf „Pfingstberg“.

Schnell gesellen sich ungeniert ein paar Besucher zur Runde – lauschen der Legende und ich wette, sie sind mindestens ein wenig neidisch, als wir um die Ecke verschwinden und zum Seiteneingang hereingeführt werden.

…hinein ins Pfingstberg Belvedere

Kaum sind wir drin – gehen wir auch schon wieder raus und stehen im Innenhof.

von Herzen willkommen – im Pfingstberg Belvedere. Schön hier 🙂
Kaffee – Empfang. Selbstbedienung – hier muss jeder mit anpacken 🙂

Uns lacht ein herzlich gestaltetes Buffett an – wow, damit hatten wir gar nicht gerechnet.

 

 

 

 

Viele nicht sichtbare Ehrenämtler aber auch 5 Angestellte organisieren die Veranstaltungen und Öffnungstage rund um das Belvedere.

Bei einem ersten Kaffee und der herrlichen Stimmung im Innenhof erfahren wir Details zur Bühne, welche sich im Wasserbecken befindet und per Seilzug hochgekurbelt werden kann. Mit dem richtigen Licht und den verschiedensten Künstlern stelle ich mir das richtig schön vor. Bisher kenne ich das nur von Fotos.

die Wasserbühne im Innenhof (aufgrund von Frost bei unserem Besuch im Februar noch ohne Wasser)

Für alle Leser von TrippTipp sponsert das Pfingstberg Belvedere zur 1. Mondnacht am 17. Mai 2019 übrigens ein Glas Wein. Geh dazu einfach zum Weinstand – sag´ das du aufgrund dieses Blogbeitrags da bist – und nenne das Codewort: LALELU19 – Danke auch dafür an das Pfingstberg Belvedere.

Während wir also im Innenhof stehen und den Erzählungen lauschen, können wir uns kaum vorstellen, dass noch vor dreißig Jahren hier alles zugewuchert und einsturzgefährdet war. Umso unvorstellbarer ist eigentlich, was in diesen 30 Jahren vor allem durch private Spenden in Millionenhöhe möglich gemacht wurde. Nach einem Besuch „nahm“ Herr Prof. Dr. Werner Otto (den viele durch seinen Modekatalog kennen) den einen Turm. Was konkret bedeutete, dass er mehrere Millionen für den Ausbau spendete. Das gefiel ihm alles so gut, dass er später nochmals großzügig unterstützte. Ebenso müssen an dieser Stelle die Hermann Reemtsma Stiftung und unzählige weitere Unterstützer genannt werden.

Innenhof Belvedere Pfingstberg

Wir steigen auf halbe Höhe, stellen uns vor und sehen auf Zeichnungen, wie das Belvedere ausgesehen hätte – wenn es nach den ursprünglichen Planungen von Friedrich Wilhelm IV fertiggestellt worden wäre.

Plan vom Belvedere (1856)

Nicht alle Ideen wurden also umgesetzt. Erste Skizzen entstanden 1828. Mit Entwürfen von Persius, Hesse und Stüler entstand in Anlehnung an einige italienische Renaissancevillen dieses kolossale Bauwerk, welches 1863 fertiggestellt wurde. Die Gestaltung der umgebenden Parkanlage übernimmt kein geringerer als Joseph Lenné.

…und dann rutscht Rotrauts Hand liebevoll über den schon deutlich mehr glänzenen rechten Vorderhuf des einen geflügelten Pferdes. Ein Schüler fand bei einer gezielten Suchaktion den Huf im umliegenden Wald. Nur dadurch konnte diese schon von außen gut sichtbare Statue restauriert und …. per Kran eingesetzt werden. Die Wow-Geschichten nehmen in diesem Ensemble einfach kein Ende…

…der besagte Huf des geflügelten Pferdes

Dann geht es über die für mich schönste Treppe von Potsdam, ganz hinauf.

Aufstieg über die Wendeltreppe

Anekdotenreich, kurzweilig und bei herrlichstem Sonnenschein stehen wir also mit dem allerbesten Rundumblick auf dem, dem Spender gewidmeten „Otto-Turm“ schauen über Potsdam und bis weit nach Berlin hinein.

Leute – dieser Blick ist unbezahlbar.

Ich liebe das einfach. Hier oben zu stehen und den Blick von den beiden Türmen in fast endlose Weiten schweifen zu lassen. Wir entdecken den Fernsehturm, den Teufelsberg, machen Fotos, lesen die Inschriften auf dem Geländer, bestaunen die Entfernungen der genannten Sehenswürdigkeiten. Selbst eine leicht Höhenangstgeplagte Bloggerin steht bald begeistert am Rand.

stabile Aussicht – Blick Richtung Berlin

Marcus will es wie immer ganz genau wissen – zuerst der Blick durchs Fernglas – dann das Ausquetschen des Pfingstberg-Teams.

die Treppe

 

Über die schmale, gerade 1-Mann oder Frau breite, gut begehbare, in der Lauffläche rustikal ausgetretene, gußeiserne Treppe steigen wir wieder hinab.

Große Menschen müssen ein wenig den Kopf einziehen, das rechtsläufige Geländer sichert Auf- und Abstieg.

 

 

 

 

 

Wir saugen optisch die Kolonnaden, das Maurische und Römische Kabinett in uns auf.

Kolonnaden
Deckenkonstruktion / Kolonnaden

Richtig schwer wird es als wir dann noch wenigstens eine von 10 originalen Fliesen im maurischen Kabinett finden sollen – und noch viel spannender hören wir dann die Geschichten – wie diese alten Fliesen wieder zum Pfingstberg gefunden haben… bisschen was muss auf alle Fälle geheim bleiben, sonst wird es ja langweilig, wenn ihr da selbst zu einer Führung hinfahrt.

Das römische Kabinett / Pfingstberg Belvedere

Nachdem gut 2 Stunden vergangen sind, erreichen wir die innen liegende Ausstellung.

Ausstellungsraum

Die Ausstellungsräume sind im Verhältnis zum gesamten Gelände klein und überschaubar – der Informationsgehalt in den interaktiven Ausstellungsmodulen jedoch sehr gehaltvoll.

Schon bei meinem letzten Besuch hatte ich mir vorgenommen, alles zu lesen – doch auch heute habe ich das nicht alles geschafft.

Besonders gut gefällt mir die Farbgebung im Raum, das sanfte Grün harmoniert extrem gut mit dem Rot-Braun der Backsteine.

Hier mal ein Holzbrett rausziehen, da eine Klappe öffnen.

Nicht nur für Kinder ist das eine abwechslungsreiche Gelegenheit – Geschichte zu erfahren.

 

mit der Lupe Geschichte entdecken

Am spannendsten finde ich den Tisch mit den teils recht alten Fotografien, welche in Form eines großformatigen Dias auf eine Lichtleiste gelegt werden können.

Eine Lupe liegt zum genaueren Betrachten bereit.

Hier meine Kollegin Synke beim Betrachten von Zeitdokumenten.

 

 

 

 

 

historischer Dialog

Gelungener Knüller der Ausstellung ist die Unterhaltung zweier historischer Persönlichkeiten.

Wie wo was genau …. guckt ihr selber, das ist wirklich so phantasievoll gestaltet, das macht definitiv Spaß, das einfach mal unverblümt selbst zu entdecken.

 

 

 

 

 

 

Längst ist die Sonne untergegangen – aber das Licht auf alle Fälle noch ausreichend um zumindest eine kleine Spende in der eigens von einem Künstler angefertigten Spendensäule einzuwerfen. Das ist das Mindeste, was wir mit einer inneren Verneigung heute noch tun können um den Erhalt des Pfingsberg Belvederes zu unterstützen. Verwitterung, Besucherströme und die Bezahlung der Angestellten – ohne Geld geht es einfach nicht und jeder kann seinen kleinen Beitrag zum Erhalt des UNESCO Welterbes dazuleisten.

Spende in die Spendensäule

So viele Fakten – wir sind massiv beeindruckt, was ein Förderverein so auf die Beine stellen kann. Wer den Förderverein mit einer Mitgliedschaft – und auch tatkräftiger persönlicher Hilfe unterstützen möchte, ist herzlich willkommen. Eine Anmeldung ist hier möglich.

Das Pfingstberg Belvedere ist einfach wirklich abwechslungsreich, sehenswert – oder soll ich sagen – der Hammer?

In dieser wunderschönen Dokumentation über Potsdam könnt´ ihr das Belvedere und auch Rotraut schon vorab kennenlernen: https://www.rbb-online.de/doku/o-r/potsdam-von-oben.html

Und das schreiben die anderen Blogger – übrigens sehr spannend, wie unterschiedlich das Ensemble interpretiert wird:

  1. http://potsdamer-blog.de/heiraten-wie-im-maerchen-im-belvedere-auf-dem-pfingstberg/#comment-461
  2. https://miniglobetrotter.de/belvedere-auf-dem-pfingstberg-bester-blick-potsdam/

 

Öffnungszeiten Pfingstberg Belvedere:

März und November:      samstags/sonntags:      10.00 – 16.00 Uhr

April bis Oktober:            täglich:                           10.00 – 18.00 Uhr

Pomonatempel:               Ostern bis Oktober:         Sa / So / Feiertag: 14.00 – 17.00 Uhr

Preise:

Einzelticket:     4,50 Euro

Ermäßigung:    3,50 Euro

Kinder:             2,00 Euro

Audioguide:     1,00 Euro

Kinder bis 6 Jahre und Menschen mit 70% und mehr Behinderung haben freien Eintritt.

Buchbar sind ebenfalls öffentliche (immer Sonntags) sowie individuell vereinbarte Führungen. Diese eignen sich aus meiner Sicht besonders gut für Firmenevents oder Familienfeiern, denn sie können nach Absprache auch unabhängig von Öffnungzseiten gebucht werden.

nächste und einige ausgewählte Veranstaltungen Pfingstberg Belvedere:

  • 7. April 2019 – erste Sonntagsführung 2019
  • 20. April 2019 – Vernissage im Pomonatempel (wechselnde Ausstellungen, Künstler dürfen sich ab jetzt schon für 2020 bewerben)
  • 24. April 2019 – Morgenstimmung Pfingstberg
  • 17. Mai – 1. Mondnacht 2019 – mit dem Kennwort: LALELU19 erhältst du als Leser von tripp-tipp.de ein Glas Wein am Weinstand kostenfrei
  • 26. Mai 2019 – Freiluft-Yoga

Mein absoluter Geheimtipp ist eigentlich das Neujahrskonzert – einmal schon durften wir das erleben. Und während sich so eine Stadt mühsehlig und müde aus dem Dunste der Silvesternacht erhebt – kommen hier am Pfingstberg Belvedere die Menschen aus allen Richtungen zusammen und lauschen dem kostenfreien Konzert. (Spenden werden in der Säule vor dem Eingang gesammelt)

Wir bedanken uns recht herzlich für die Möglichkeit, das Pfingstberg Belvedere im Rahmen dieser Veranstaltung genauer kennengelernt zu haben.

Eigentümer des Pfingstberg Belvederes ist die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten – der Förderverein Pfingsberg Belvedere ist der Betreiber.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4 thoughts on “Pfingstberg Belvedere Potsdam – Blüte menschlicher Kraft

  1. Liebe Sandra,
    ein wirklich gelungener Beitrag, den du da direkt gezaubert hast! Ich habe erstmal ein paar Tage gebraucht bis ich all die spannenden Geschichten und geschichtlichen Informationen verarbeitet habe. Es war ein wirklich toller Sonntag! Mein Beitrag folgt in Kürze…

    Liebe Grüße
    Steffi | Reiselust und Fernweh

    • Hallo Steffi, danke für Dein Feedback. Freut mich, wenn er sich gut lesen lässt. Ich muss die Beiträge immer recht schnell tippen – sonst vergesse ich Details 🙂 Ich bin gespannt auf Deinen Beitrag – liebe Grüße. Sandra

  2. Ich liebe das Licht in dem Säulengang! Ich kann mich deinem Ausflugstipp nur anschließen. Das ist wirklich eine tolle Potsdamer Sehenswürdigkeit. Generell kann man auf diesem Gelände ganz wunderbare Seite von Potsdam entdecken.

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