Kanada mit dem Wohnmobil – ein erstes Resümee

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Gute 4500 Kilometer kanadischen Asphalt haben wir die letzten vier Wochen mit dem Wohnmobil abgerollt, sind eingetaucht in die unfassbar weite und fast alles relativierende großartige Natur dieses gigantisch großen Landes im Norden von Amerika. Wir durchfahren und erkunden die beiden Provinzen Alberta und British Columbia. In diesem Beitrag gebe ich einen ersten Überblick und nehme dich zunächst mit nach Calgary, wo unsere Reise mit der Übernahme des Wohnmobils startet.

…unser Wohnzimmer auf Zeit (hier auf der Maligne Road)

Wir reduzieren unser Leben im Auto auf wenige Quadratmeter, tauchen ein in den selbst gewählten Minimalismus und wechseln uns fortan mit dem Fahren dieses beweglichen Wohnzimmers ab.

Auf dem Weg nach Vancouver stapfen wir im Banff Nationalpark zunächst noch durch Schnee, filmen minutenlang schier endlos lange Züge auf ihrem kolossalen Weg durch die Rockies, besuchen den Ort, wo der letzte Nagel der Bahnlinienfertigstellung eingehauen wurde, um schon bald darauf nach unseren FlipFlops zu suchen, es wird irre heiß – wir durchfahren mehrere Klimazonen und sehen, wenn auch nur ganz kurz unseren allerersten Schwarzbär. Gemütlich trottet er an einer Bahnschiene entlang. Das schon fast niedliche Bild, wie die zottigen Tatzen über Schotter stapfen behalte ich im Kopf. Doch Bären sind nicht niedlich, Bären sind potentiell gefährlich. Da ich selbst vor der Reise sagenhafte Angst hatte, einem dieser braunen Fellmonster Aug´ in Aug´ im Wald zu begegnen, wird in Kürze noch ein Extra-Bären-Beitrag folgen.

Strand auf Vancouver Island

Auf der Fähre passieren wir dann die Georgia Strait um nach Vancouver Island mit seinen sagenhaften Stränden zu gelangen, folgen den Spuren der First Nation People und zu den Bärenwarnungen an den Wanderwegen kommen nun noch die Pumawarnungen hinzu.

Ein seltsames Gefühl, sich im Wohnumfeld dieser eigentlich mir nur aus dem Zoo bekannten Tiere frei zu bewegen. Hinter jedem Baum vermute ich Augen, doch da sind keine. Die Tiere sind schlau, haben gute Sinnesorgane und längst weg, bevor wir überhaupt losgehen.

 

Jahrhunderte alte Zedern und Douglasien dominieren das Bild und die Speicherkapazität unserer Kameras. Nacht um Nacht verlängern wir unseren Aufenthalt auf dieser wunderschönen Insel und lernen die Ruhe derer staatlichen Pronvincial Parks von British Columbia zu schätzen, die speziell für Camping ausgelegt sind, gehen mit Einheimischen spazieren – die Freundlichkeit der Kanadier haut uns um und lässt uns beginnen, über die Skepsis und das Unvertrauen speziell von uns Deutschen nachzudenken. Immer wieder werden wir in den verschiedensten Situationen mit offenem Herzen angesprochen. Einfach so. Irgendwann nennen wir es den „kanadian-Style“ und beschließen, davon ein wenig mit nach Deutschland zu nehmen.

So ungern wir wollen, wir müssen allmählich an die Rückfahrt denken. Ganze 2 Wochen nehmen wir uns Zeit, von Vancouver Island über die Sunshine Coast und den legendären Sea to Sky Highway Nr. 99 zurückzufahren.

Ski fahren in Whistler

Neben den Kosten für das Wohnmobil leisten wir uns den unverschämten Luxus, einmal in den Rockies Ski zu fahren. Whistler ist das Eldorada dafür schlechthin, ein langgehegter Traum von Marcus erfüllt sich. Uiuiui sind die Snowboarder hier cooool. Sie springen, sie drehen sich, rutschen über Banden und sie lieben ihren weichen Schnee, genau der, der uns nach knapp 5 Stunden sagt, geht mal lieber vom Berg, Sulz mögt ihr Europäer doch nicht so sehr. Sagt´s und springt unten wieder in seine FlipFlop, Wetter war nämlich auch hier – sensationell. Bei 25° geben wir die Latten im Shop wieder ab.

 

Joffre Lake

Hier und da gehen wir wandern, meistens geht es kurz, knackig, straff hinauf. Das Training über die Wochen, zum Beispiel hinauf zu den Joffre Lakes hilft uns, gelassen (wirklich?) unserer finalen und wohl allerschönsten Wanderung aller Zeiten aufzubrechen.

Dafür stellen wir uns seltenerweise sogar mal den Wecker und wandern rund um das Massiv des Mount Robsen zu den Emperor Falls. Der mit seinen 3954 Metern der höchste Berg der Rockies präsentiert sich mit wolkenfreiem Himmel. Was für ein sagenhaftes Glück wir wieder haben.

 

 

 

…morgens auf dem Berglaketrail

Doch bevor wir überhaupt soweit kommen, fallen wir vor Freude fast um. Der erste See auf der Wanderung ist spiegelglatt, der Traum eines jeden Fotografen. Klick, Knips, Film. Am Ende des Tages stehen 32 Kilometer auf der Uhr … wir sind von uns selbst beeindruckt, das geschafft zu haben. (Preis: zwei heftige Blasen an meinen Fersten)

 

 

 

Bärenalarm

In der letzten Woche schenkt uns Mutter Natur noch mehrere beeindruckende Bärenbegegnungen. Jedes Mal sitzen wir im Auto und können, staunend rausschauend aus unserem sicheren Käfig, auch mal wie Zootiere fühlen. Der neugierigste Bär wagt sich bis auf 5 Meter an uns heran, schwer also, den empfohlenen Mindestabstand einzuhalten. Die Zottelmonster sind ganz schön neugierig.

 

Irgendwo an der Grenze von British Columbia zu Alberta überfahren wir eine Zeitzonengrenze und turnen wie zwei Kinder über den Highway – nur um dieses selten gesehene Ereignis fotografisch festzuhalten. Paar Meter weiter stellen wir unsere Uhr eine Stunde vor ….

der Borkenkäfer wütet in Alberta

Nun müssen wir das erschreckende Bild unzähliger brauner Bäume rund um Jasper ertragen. Der Borkenkäfer sorgt für das Absterben der Nadelbäume – wir schlafen unter einem solchen Baum, in einem solchen Park – seltsames Gefühl und dennoch gehört dieser Vorgang zur Natur.

Wir versuchen unser Ego nach dem immer perfekten Ausblick im Zaume zu halten und löffeln auch hier, wie fast jeden Morgen unser Müsli im Freien.

Den Weg zurück über den sogenannten Icefields Parkway genießen wir und stimmen den vielen Autoren zu, die diese Straße als eine der schönsten der Rocky Mountains bezeichnen. Hinter jeder nächsten Kurve tauchen neue gigantische, noch mit Schnee bedeckte Berggipfel auf.

 

 

Gletscher / Icefield Parkway

Highlight hier ist unser kleiner Spaziergang am Columbia Icefield, ein Gletscher, welcher bis auf 1,5 Kilometer an den Highway heranreicht. Mittlerweile hat er sich wahnsinnig zurückgezogen – noch vor Jahren hätte man den Highway durch den Gletscher bauen müssen.

Und dann sind wir baff. Gute 200 Kilometer gibt es nicht einen einzigen Campingplatz wo wir unsere vorletzte Nacht logieren könnten. Entweder haben sie noch zu, werden gebaut oder sind hoffnungslos voll. Der Überlaufparkplatz, ein üblicher Highwayparkplatz ist ebenfalls dicht – Wagen an Wagen stehen sie. Das wollen wir uns nicht antun, fahren noch 50 Kilometer weiter – doch auch hier Fehlanzeige.

Kanada fängt an, ungemütlich zu werden und uns den Abschied zu erleichtern.

Wir müssen, auch wenn wir nicht wollen, schwarz campen. Die nächste, unsere letzte Nacht verbringen wir dann in Cochrane, ein paar Kilometer vor Calgary. Eben war noch alles ok – und plötzlich verdichtet sich, während wir noch am Bow River bummeln, die Sicht. Rund um uns nur noch Smog, es riecht ein klein wenig verbrannt.

Smog bei Calgary / Mai 2019

Wir haben keine Ahnung was das ist, finden im Netz dann die Antwort. Heftige Waldbrände im Norden von Alberta, also gut 1000 Kilometer von uns entfernt, sorgen für diese heftige Rauchentwicklung. Dieses Jahr sollen sie unverhältnismäßig früher eingesetzt haben – im schlimmsten Fall halten sie die ganze Sommersaison über an. Darauf sollte man sich also als Kanadatourist einstellen. Auch am nächsten Tag, unserem Abreisetag ist es nicht besser. Keinen Meter möchte man sich draußen aufhalten – so wird nix aus unserem Plan, am letzten Tag noch Calgary zu besuchen. Es macht einfach keinen Sinn und so flüchten wir in eine Outletshopping-Mall.

Abends bringt uns der Flieger sicher von Calgary nach Frankfurt.

Seestern

Wie immer sind wir glücklich beseelt – dieses Mal noch mal auf eine andere Art. Das erste Mal haben wir Bären in freier Wildnis in die Augen geschaut und die allerlängste Wanderung in einer der für uns schönsten Kulisse unseres Lebens geschafft, wir haben das erste Mal Seesterne in freier Natur gesehen und wir sind froh, unserem Credo treu geblieben zu sein – keine Walbeobachtungstour, kein Hubschrauberrundflug, keine Speedboottour gebucht zu haben.

 

 

Auch ohne diese touristischen Attraktionen gibt es so viel zu entdecken in der Welt – diese eine Bitte hätten wir. Wenn ihr auf Reisen geht, prüft genau, ob ihr die Dinge braucht, die definitiv eine Störung im Lebensumfeld der Tiere bedeutet.

Und ansonsten gibt es in nächster Zeit mit Sicherheit den einen oder anderen Kanadabeitrag hier. Habt Ihr Fragen zu dem Land? Zum Urlaub im Campervan? Oder überhaupt an uns? Dann schreibt uns doch gern hier in die Kommentare.

Vielen Dank für deine Aufmerksamkeit – und eine wunderschöne Woche noch!

…nicht von uns, aber der letzte Bär wurde hier am 12. Mai gesichtet …. und ab in den Wald 🙂

 

 

 

 

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