…aber ich möchte doch nur ein Brötchen oder wie die Pandemie sich auf unser (Reise)-Verhalten auswirkt

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Ich weiß, dass ich euch noch die letzte und damit sechste Etappe unserer Radtour gen Hamburg schuldig bin. Doch es passiert immer wieder so viel und das alles auf einmal, dass ich den heutigen Beitrag dazu nutzen möchte, einfach mal drauflos zu bloggen.

Grundsätzlich bin ich nämlich froh, überhaupt wieder in ein Laptop tippen zu können. Meins ist unwiderbringlich defekt. Leider. Ich hatte auf die Computerspezialisten gehofft – aber auch die konnten mir nur den Untergang des Gerätes bescheinigen. Es ist wie es ist, jetzt habe ich mir eins geborgt und bin froh, dass die rudimentärsten Funktionen wieder da sind. Einloggen ans Backend meines Blogs geht. Perfekt.

Zeit für eine Reiseanekdote. Überschrift steht ja oben – ich will doch nur ein weißes Brötchen.

Zugetragen hat sich das ganze im Frühstücksraum des Hotels, in welchem wir kürzlich in Sellin gastierten.

Natürlich haben sich auch hier die Umstände im Zuge der Pandemie verändert und so gab es in dieses Mal das Büfett mit Bedienung. Sonst stand das Büfett immer in der Mitte des Raumes und alles war sehr liebevoll in kleine Gläschen drappiert. Von der Minibulette bis zum geschnittenen Gemüse, Müslizutaten, selbstgemachte Marmeladen, Desserts, Eier. Es hat einfach an nichts gefehlt. An diesem Büfett hat man einfach gesehen, dass es den Betreibern des Hotels Spaß macht, den Gästen ein schönes Frühstück zu kredenzen.

Doch Corona oder eben auch die Bestimmungen des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern hat den Betreibern nun einen Strich durch die Frühstücksrechnung gemacht. Die Hotels dürfen betrieben werden, doch die Auflagen sind hoch und so haben wir uns an der Bedientheke angestellt. Natürlich mit Mundschutz, durch den wir dann unsere Bestellung durchgenuschelt haben.

Am ersten Tag standen glaube ich 2 Personen vor uns. Am zweiten Tag dachten wir, wir gehen mal direkt acht Uhr, gleich zur Eröffnung des Frühstücks. Da standen vor uns glaube ich 4 oder 5 Pärchen. Angeboten wurden nahezu alle sonst auch auf dem Buffett befindlichen Sachen. Also eine Menge und auch kleinteilige Sachen …. also … wollen wir Nüsse, Chiasamen, Sonnenblumenkerne …. und so weiter im Müsli? Welchen der 5 Säfte? Im Schnitt brauchte die Herbergsmutter 5 Minuten pro Bedienfall, denn zugewandt und sehr freundlich hat sie alles erfragt. Das Prozedere hing ein wenig von der Entscheidungsfreude der Touristen ab.

Jedenfalls standen wir an dem Tag 25 Minuten. Es ging wirklich alles gesittet zu, obgleich mit Sicherheit weder die Herbergsmutter noch die Touristen erfreut waren über diese Situation. Spannend wurde es am dritten Tag. Ein Sonntag – Neuanreise, die frischen, noch dolle gestressten Urlauber mussten nun erst verstehen lernen, dass sie sich gleich im ersten Rutsch – ALLES – geben lassen musssten. Sonst hat man einfach verloren, denn dann steht man im dümmsten Fall wieder hinter paar Leuten.

…es kam, wie es kommen musste. Ein Mann stürzt seitlich an die Theke und fragt, ob er noch ein weißes Brötchen haben kann. Kann er nicht haben – denn in der Schlange steht unter anderem schon eine weitere Frau, die sich was nachholen wollte. Wenn wir den Strang aufmachen, dann kommen alle bald nur noch seitlich ran und wollen nur schnell dies oder das.

Da ist die Herbergsmutter also klar strukturiert und aber irgendwie ja auch fair. Nun spricht er die zweite Bedienung an – die nur für Kaffee bringen und Abräumen zuständig ist. Auch diese Bedienung kann kein Brötchen raus geben, da seine Hände nicht desinfiziert sind. Das fanden wir logisch und nachvollziehbar.

Oha … jetzt wirds spannend. Der Tourist tobt, steht wie ein peinliches Rumpelstilzchen im Essensraum und beschimpft natürlich die Hoteliers – die offensichtlich extrem bemüht und fleißig versuchen, den Urlaubern trotzdem die Zeit so angenehm wie möglich zu machen.

Irgendwann bekommt er außer der Reihe tatsächlich sein Brötchen und später geht die Dame von der Bedientheke, wohl bemerkt Inhaberin des Hotels, nochmals zu dem Rumpelstiltisch und versucht die Situation nochmals zu erklären. Der Mann lässt sie nicht mal ausreden.

Wir sympathisieren mit der Hotelchefin, schütteln in sichtbarem Unverständnis den Kopf und plaudern später auch nochmals mit ihr, da wir merken, dass sie sich richtig geärgert hat. Und darüber ärgern wir uns maßlos…

…über die egoistische, kopf- und respektlose Mentalität unserer Mitreisenden. Sollen sie doch nach Hause abdampfen, wenn es ihnen nicht passt. Ich habe mir so gewünscht, dass diese Leute einfach sofort aus dem Hotel fliegen. Hoteliers traut euch!

Das heutzutage und übrigens nicht nur Hoteliers immer noch wie Diensttrottel behandelt werden, ist ein Armutszeugnis unserer Entspannungsfähigkeit und vor allem der Persönlichkeitsentwicklung. Zugleich auch der Reflektiertheit, der Wahrnehmungsfähigkeit für eine solche besondere Situation.

Das muss sich eindeutig ändern. Falls ihr also so etwas beobachtet – ergreift bitte die Partei von demjenigen, der da angegriffen wird. Wo kommen wir denn sonst hin, wenn wir zuschauen, wie der eine den anderen verletzt. Verbal – das sitzt meistens noch tiefer als eine Ohrfeige.

Genau wie wir, haben alle anderen Gäste gedacht, die in jenem Moment anwesend waren. Alle waren daraufhin so dankbar und freundlich, als wollten sie gut machen, was einer verpatzt hat.

Hat sich nun unser (Reise)-Verhalten durch die Pandemie verändert? Verändert es sich weiter?

Auf dieser Reise waren wir in Sellin, also auf Rügen. Ostseeküste. Nicht nur im Frühstücksraum war die Stimmung geladen, sondern auch auf der Promenade. Immer wieder gab es Situationen, wo Menschen einfach nur gereizt reagiert haben. Das war sehr auffällig. Waren es die Massen der Menschen? Die Wärme? Die Pandemie? Ich weiß es nicht – ich weiß nur, dass es auffällig war.

Auch die Wochen vorher haben übrigens sehr viele Leute immer wieder geäußert, dass sie sich über die Aggressivität wundern, die da draußen herrscht.

Ebenfalls fiel uns an der Ostsee auf, dass eine Menge Menschen völlig kopflos unterwegs waren, verzögert und auch irrational reagiert haben. So als wären sie gerade nicht ganz hier anwesend und in dem Punkt bin ich sehr überzeugt davon, dass sich das Verhalten der Menschen zumindest ein wenig durch die Pandemie verlangsamt hat. Die meisten haben sich nicht an die Abstandsregeln gehalten, bei der Masse an Menschen war das teilweise kaum möglich.

Hm, gibt es nun eine weitere Veränderung im Reiseverhalten durch die Pandemie?

Ich würde ein klares Ja formulieren. Denn sonst wüsste ich nicht, warum Tausende Reisebüroangestellte noch immer in Kurzarbeit sind, erste Büros gar schließen.

Ich für mich kann sagen, dass ich gerade nicht sonderlich bereit bin, mich auf lange Sicht auf eine Reisebuchung, einen Flug oder irgendwas festzulegen. Eigentlich muss ich im Oktober auf eine Weiterbildung nach Köln, ich habe immer noch kein Hotel und kein Zug gebucht, weil kein Mensch weiß, ob der Dozent aus Kalifornien anreisen darf. Ob ich den treffen möchte, steht nochmal auf einem ganz anderen Blatt. (Update 3.9.20 – Der Dozent aus Kalifornien hatte zwar lange an seiner Europareise festgehalten. Nun werden ihm die Reisestrapazen wohl doch zu viel. Verständlich. Das Seminar ist jetzt ein Webinar. Jippieh – ich muss nicht nach Köln.)

Wir sind auf alle Fälle in der nahen Zukunft in unser Anpassungsfähigkeit gefragt. Immer wieder sind Dinge unklar, verändern sich, Pläne müssen verändert werden. Das war vor Corona unbeschwerter.

Doch damit taucht eine Sache auf, die sich aus meiner Sicht positiv verändert hat. Ich bin viel dankbarer … eben für ein schönes Frühstück im Hotel. Auch wenn ich dafür anstehen muss. Ich bin dankbar, dass das Hotel überhaupt auf hat, darüber habe ich früher nie nachgedacht.

Es hatte immer auf.

Die Selbstverständlichkeit der Dinge …. ist weg. Damit steigt bei mir die Wertschätzung. Es steigt aber auch nochmal die Dankbarkeit. Einerseits, dass es zur Zeit so geht wie es geht. Alles ist besser als nix … und das wir zwar eingeschränkt aber eben doch reisen können.

Und es steigt die Dankbarkeit für die ganzen vielen schönen und unbeschwerten Reisen meines Lebens nach 1989. Dem Wendejahr. Vorher – mussten wir nehmen, was es gab … auch wenn wir trotzdem tolle Reisen unternommen haben, von Reisefreiheit konnte man da nicht reden. Scheinbar haben das viele vergessen, die sich jetzt doch sehr eingeschränkt fühlen. Ich finde, es war diesbezüglich schon mal wesentlich schlimmer…. oder? Zumindest für fast alle ehemaligen DDR-Bürger.

Eine Sache hat sich noch verändert. Ich sehe viel mehr die Menschen hinter der Dienstleistung. Denn gerade jetzt in der Pandemiezeit ist uns natürlich nicht verborgen geblieben, wie sie rödeln, kämpfen, damit es uns Touristen gut geht. Damit weitestgehend Normalität herrscht, wo augenscheinlich gerade nix normal ist. Dazu hatte ich ja kürzlich den Beitrag hier verfasst: https://tripp-tipp.de/fruehstuecken-im-hotel-in-zeiten-von-corona/

Auch privat haben wir zwar auf alle Fälle Lust, noch ein wenig zu reisen. Gebucht ist noch nix. Wenn es nach mir geht, reisen wir eher nur in Deutschland. Ich könnte mir vorstellen, dass Ferienwohnungen, Ferienhäuser, Camperurlaube aber auch kleinere Inhabergeführte Häuser weiterhin hoch im Kurs der Deutschen stehen. Zeitlich und auch in der Personenanzahl limitierte Angebote werden sich sicherlich auch gut verkaufen … siehe zum Beispiel die Monet Ausstellung hier bei uns in Potsdam im Barberini, welche konstant ausgebucht war, seit nach dem Lockdown erste Besucher wieder rein durften.

Was meint ihr? Ändert sich was an eurem Reiseverhalten? Oder was habt ihr so beobachtet? Schreibt es mir mal rein in die Kommentare.

Oder nehmt doch selbst als Blogger, Hotelier, Reisejournalist an der Blogparade von Valerie Wagner teil. Hier fragt sie nämlich genau diese Fragen und auch mein Beitrag ist Teil dieser Blogparade. Vielen Dank an Valerie für den Impuls. Ich bin sehr gespannt, was für Anekdoten, Meinungen und Reisetrends sich da so abzeichnen werden – https://www.valerie-wagner.de/aendert-sich-das-reiseverhalten/

Und dann schaut gern bald wieder vorbei … dann gibt es wieder einen schönen Bericht. Die sechste Etappe …. oder ein paar Sellinimpressionen. Lasst euch überraschen.

 

 

 

8 thoughts on “…aber ich möchte doch nur ein Brötchen oder wie die Pandemie sich auf unser (Reise)-Verhalten auswirkt

  1. Liebe Sandra,
    köstlich zu lesen und ich stimme dir sowas von zu: Eine überall gereizte Stimmung. Ich selbst urlaubte kürzlich am Seddiner See in einem von mehreren FeHäusern der Fam. Krebs (hier ist der Kundenkontakt kurz, knapp und am unteren Rand freundlich ;-). Das Haus war vollkommen ok, drumrum naja, 300m zum See – das wars, was ich brauchte. Wir waren einmal in Potsdam. Schätze deine Stadt sehr. Es war aber so was von voll und hektisch, dass wir – back in unserer Datscha – erstmal tief atmen mussten. Kamen dann nochmal in die Nähe, als wir mit der Fähre von Hermannswerder über den Templiner See setzten. Sofort stieg wieder das gefühlte Erregungsniveau. Ehrlich gesagt, grundsätzlich finde ich es kein Wunder: So viele Einschränkungen sind – zumindest wir Wessies – nicht gewohnt. Dazu die dauernde Angstmache, vor der sich nur die wenigsten dauerhaft schützen können und die einfach ein so großes Geschäft ist. Nicht schön. Alles Gute dir und falls du mal wieder weiter weg willst… (Anm. d. Red: Rest des Kommentars wg. ungefragter Werbung entfernt) …
    Andrea Steube

    • Liebe Andrea. Vielen Dank für Deinen Kommentar … in Potsdam voll? Ich genieße ehrlich gesagt gerade die herrliche Entspanntheit hier mit den „wenigen Touristen“ 🙂 … da müsst Ihr mal kommen, wenn es wirklich voll ist. Der Verkehr ist quierlig, da gebe ich Dir recht und am Seddiner See war ich selbst noch nie. Obgleich der nur einen Steinwurf entfernt ist. Sei nicht böse – ich habe den letzten Teil Deines Kommentars entfernt. Es gibt eine Regel auf meinem Blog – keine ungefragte Werbung. Auch wenn es bestimmt nur nett gemeint war, mag ich das einfach nicht. Liebe Grüße SH

  2. Liebe Sandra, Deine Geduld beim Anstehen ist bemerkenswert. In „meinem“ Hotel war es gut gelöst. Es gab ein Tablett mit den normalen Dingen, die serviert wurden sobald man saß. Kaffee, Tee und Eier wurden erfragt und auch Saft. Das hat alles super geklappt. Am Sonntag war nur die Eigentümerin da, sie war leicht hektisch. Aber sonst hat es mit dem Frühstück in Zingst geklappt, wenigstens etwas.
    LG Kerstin

  3. Liebe Sandra, brauchst den Kommentar nicht veröffentlichen, nur ein kleiner Hinweis für dich selbst am Rande: die korrekte Schreibweise ist Buffet (mit zwei f und einem t) oder Büfett, aber zwei f und zwei t ist falsch, soweit ich weiß… so, jetzt werde ich den Beitrag zu Ende lesen 😉

    • Liebe Kasia. Danke – na klar wird das veröffentlicht. Hilfreiche Kommentare immer und das Büfett … hat mich wirklich geärgert in den Beiträgen. Danke also für die Korrektur. Lg Sandra

  4. Liebe Sandra,

    schön, dass ihr euch hinter die Hotelbesitzerin gestellt habt. Leider kommt es immer wieder vor, dass uneinsichtige I…ndividuen einem den Tag verhageln. Und solche unangenehmen Erlebnisse bleiben länger hängen als alles, was danach kommt.

    Ich finde auch, dass sich Hoteliers mehr trauen sollten. Was die Einhaltung der Hygienemaßnahmen betrifft zum Beispiel. Ich hatte schon mehrmals die Situation erlebt, wo sich Gäste nicht an die Maskenpflicht gehalten haben und die Hotelmitarbeiter sich nicht trauten, etwas zu sagen. Das ist so schade. Ja, die Wertschätzung ist nicht wie sie sein sollte. Aber man sollte sich vor Augen halten, dass es nur einige wenige sind, die sich daneben benehmen. Zumindest war das bisher mein Eindruck.

    Lg Kasia

    • Hallo Kasia. Vielen Dank für Dein Feedback. Ja – für uns ist das selbstverständlich, sich hinter Betroffene zu stellen. Wir haben, was das angeht, einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Wir sehen leider auch alles 😉 … Lg Sandra

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