Wie Berlin den Mauerfall vor 25 Jahren feiert.

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East Side Gallery Berlin

Berlin Du bist so wunderbar – fällt mir jetzt spontan als erstes ein.

Es ist 25 Jahre nach dem Mauerfall und die Brüder Christopher und Marc Bauder liefern die Idee für das Projekt Lichtgrenze. Auf einer Länge von ca. 15km reihen sich auf Stelen stehende tausende Kautschukballons, welche bei Einbruch der Dunkelheit leuchten. Eins steht sofort fest – das muss ich sehen. Doch dazu später.

Zunächst möchte ich diese Wahnsinnsidee würdigen. Was die beiden da zusammen mit Kulturprojekte Berlin im wahrsten Sinne des Wortes auf die Beine gebrachte haben …. Tausende. Nicht nur Ballons, sondern Berliner und Touristen. Wer sind eigentlich diese beiden, frage ich mich? Als Regisseur (Marc) und Lichtkünstler (Christopher) liefern sie emotionales Videomaterial für die 6 großen Leinwände an der Strecke und clevere Lichttechnik für das Erlebnis Mauerfall.

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Gedenkstätte Berliner Mauer

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Lichtgrenze Bernauer Straße / Mauerreste

Ein Großevent also mal wieder. Die erste Überlegung die ich dazu anstelle, ist folgende. Wie kann ichteilnehmen, ohne von den Massen genervt zu sein? Ganz klar. Ich muss so unabhängig wie möglich bleiben. Die S-Bahn fährt nicht, Auto wäre der blanke Horror, bleibt also nur das Bike. Gesagt getan. Handschuh, Mütze, Winterjacke. Wir radeln die ca. 16km von zu Hause Richtung Bernauer Straße. Hier befindet sich die Gedenkstätte Berliner Mauer mit einem Stück erhaltenem Grenzstreifen. Es ist kurz nach 16 Uhr, auch nichtilluminiert gefallen mir die aneinandergereihten Ballons schon mal sehr gut. Wir stellen den Flanier- und Fotografiermodus ein, bewegen uns ganz gemächlich mit unseren Fahrrädern durch die unglaublich vielen vielen Menschen. Ich bin beeindruckt, wie groß die Sehnsucht der Menschen ist, sich zurückzuerinnern. Wir queren eine Straße und auf einmal springt ein korpulenter etwa Mittvierziger aus seinem BMW und schreit einen älteren Herrn an: „Eyhhhh, wer war dit, wer hat auf´s Auto gehauen?“ Stinkewütend baut er sich vor dem unscheinbaren älteren Herren mannshoch auf. Lächerliche Nummer aber man weiß ja nie, was passiert. Ich hole schon mal mein Handy raus um im Zweifel Beweisfilme zu drehen. Er schreit weiter: „….weg von meinem Auto, sonst jibt et kräftig was aufn Helm …“ Mir tut der ältere Mann leid, aber auch er lässt sich durch das Genöle nicht beeindrucken und weicht keinen Meter zurück. Einige Passanten bleiben direkt in der Nähe stehen, so wird es dem grölenden Autofahrer auch irgendwann zu blöd. Er steigt ein und rast davon. Hm. die Kehrseite der Großevente. Strassensperrungen, Stau, zu wenig Parkplätze und damit dauergereizte Berliner.

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Lichtgrenze Nähe Nordbahnhof

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Gedenkstätte Maueropfer

Wir sind Gott sei Dank mit dem Rad und folgen nun der Ballonstrecke. Direkt vorbei an Beach Mitte am Nordbahnhof. Viel Zeit habe ich hier baggernd und bridgend verbracht, doch der Grenze habe ich in den Momenten eigentlich noch nie bewusst gedacht. Viele Teile des Weges kenne ich noch gar nicht. Wir sehen entlang der Illumination doch ziemlich viele Neubauten, nicht immer kann ich sicher sagen, wo nun Ost und West ist. Egal wo wir entlangkommen, überall sind irre viele Menschen unterwegs. Manche trödeln so vor sich hin, andere bewegen sich schnell bis hektisch. Pures Abarbeiten der Strecke? Bleibt da Zeit zum Erinnern? Irgendwann stehen wir an der Spree, legen eine kurze Pause im Hauptbahnhof ein und folgen dann vorbei am Medizinhistorischen Museum dem Weg Richtung Bundestag und Brandenburger Tor.

Logisch, dass sich hier die meisten Touristen aufhalten.

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Bundestag und Lichtergenze

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Checkpoint Charlie

Ich schaue ein wenig in die Gesichter, welche gebannt auf die Videoleinwand starren. Irgendwie kommt mir der Gesichtsausdruck bei allen gleich vor. Als würden sie innerlich sagen: „….das gibt es doch nicht, das kann doch nicht wahr sein und wie konnte das überhaupt passieren.“ Ein bisschen schade finde ich, dass das Brandenburger Tor durch die vielen Bühnen und Technikaufbauten so verstellt ist und man heute NICHT hindurch kann. Irgendwie der Aberwitz dieser Veranstaltung. Stellt für mich dieses Tor doch irgendwie den Inbegriff der Öffnung zwischen Ost und West dar. Und dennoch geht es ganz gut zwischen Autos, Fußgängern und Radfahrern Richtung Potsdamer Platz und dann weiter zum berühmten Checkpoint Charlie. Hier kann ich auf die bereitliegenden blauen Klötze klettern und die Menge mal von oben betrachten. Plötzlich dröhnt aus einem Ghettoblaster die gute alte Mugge von Fettes Brot: „…..türlich türlich, sicher, Dicker …. und im Takt der Musik joggen gut 10 Leute vorbei. Das ist Berlin – die einen andächtig, die anderen cool und die Läufer wahrscheinlich erfreut, dass es endlich mal eine etwas längere beleuchtete Laufstrecke gibt.

Nun sind die meisten Leute schon eine ganze Weile im Gewimmel unterwegs. Hier und da schnappe ich diskutierte Wortfetzen auf. Nochmal. Es ist wirklich beeindruckend, wie diese Installation unzählige dazu bewegt, sich am Samstag Abend viele Kilometer zu Fuss und überhaupt an der frischen Luft zu bewegen. Es ist beeindruckend, wie diese Installation viele Menschen ins Gespräch bringt. Das sollte es einfach öfter geben. Die Grundstimmung empfinde ich als sehr friedlich, bewundernd und andächtig. Ab und an drängelt mal einer frech, doch das geht in der Masse total unter. Mittlerweile sind wir in Kreuzberg, vorbei an der Bundesdruckerei (wurde hier eigentlich unser Ausweis erstellt?) weiter zum Engelbecken. Auf der Brücke berichtet eine Zeitzeugin, dass hier sogar die Kirchengemeinde der Kirche St. Michael getrennt wurde. Im Westteil musste eine neue Kirche erschaffen werden und man sprach nun von den Ost- und den Westmichaeliten. Diese Kirchengemeinde ist bis heute aufgrund der unterschiedlichen Entwicklungen getrennt.

Liegt es jetzt eigntlich daran, dass mittlerweile Tausende die Ballons passiert haben oder lasse ich mich hinreißen, Urteile über Verhalten in einzelnen Stadtteilen zu erstellen? Plötzlich sind mehr und mehr Ballons zerstört. Abgeknickte Stelen, fehlende oder in sich kollabierte Ballons. Nicht schön. Wir queren die Schillingbrücke und nicht zu fassen. Hier sind die Ballons sogar mit roten Farbspritzern versaut. Kann ich nicht verstehen und muss wohl akzeptieren, dass sich erstens nicht alle über den Fall der Mauer gefreut haben und zweitens es wohl auch heute genug gibt, welche aus den verschiedensten Gründen Ärger oder Wut über solch ein Kunstprojekt empfinden.

Unsere Runde schließt sich fast. Wir streifen zumindest mit den Blicken den Ostbahnhof und biegen nach rechts in die Mühlenstraße. Die East Side Gallery mit dem Endpunkt Oberbaumbrücke, dem Ende der Installation. Zufall, dass genau hier ungefähr die Hälfte der Ballons fehlen? Sieht nicht schön aus und macht am Ende der tollen Runde noch mal kurz ein komisches Gefühl. Ich kann und möchte das auch gar nicht verstehen, warum man auf die Stelen klettern muss und eigentlich sollte es doch klar sein, dass diese dünnen Carbonstängchen nicht dafür gedacht sind, sich daran festzuhalten. Da könnte ich mich doch gleich in einer kleinen Achtsamkeitsausführung verlieren, doch das würde hier den Rahmen sprengen.

Mittlerweile ist es 22.00 Uhr. Wir sind ungefähr 32km geradelt, stillen unseren Hunger noch in einem der auch jetzt noch gut besuchten Lokale in der Nähe der Oberbaumbrücke Kreuzberg und erfrieren fast auf den letzten 8km zurück nach Hause, denn so schön wie die Sonne heute auch schien – es ist Anfang November und mit einem Lächeln beschließen wir, dass die nächsten historischen Ereignisse doch bitte im Sommer durchzuführen sind.

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Mein Lieblingsgraffiti an der East Side Gallery

….und wie geht es Dir, wenn Du 25 Jahre zurück denkst? Wo warst Du zu dem Zeitpunkt und hast Du den Fall der Mauer bewusst miterlebt?

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